Maske:
Vieläuger
Es war eine meiner ersten Masken. Sie sollte urtümlich sein und doch frei von allem Folkloreartigem. Unfertig in der Bearbeitung, nichts nett Lackiertes: Ton also, flüchtig bearbeitet, gebrannt, mit
Acryl bemalt, zur Sehfähigkeit erweckt. Eine Figur, die mit den Augen die Welt einschlürft. Als Gegenstück habe ich einen Zyklopen gemacht, der mit einem Auge tötet.
Lady Shiva
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Ein Porträt der siebziger Jahre
Wer mir etwas dazu erzählen kann, möge mich kontaktieren
Sie stand nächtens in der Schoffelgasse und wartete auf Kunden - eine eindrückliche Persönlichkeit, wie sich viele erinnern. Ich arbeite daran, anhand des Lebens von Irene Staub - Szenename Lady
Shiva -, in Buchform ein Porträt der Zürcher Kulturszene in den siebziger und Anfang achtziger Jahre zu geben. Die Zeit nach dem Achtundsechziger Aufbruch und vor Aids. Eine Zeit, in der man sich
ungewöhnlich frei fand, in der man auch experimentierte mit der eigenen Gender-Zugehörigkeit: Bin ich Mann? Bin ich Frau? Bin ich beiden Geschlechtern zugehörig oder keinem?
Es geht um eine Szene aus Kunst, Film, Musik, Literatur, Fotografie. Es geht ums Niederdorf, um Partylokale wie die Platte 27, um Modeschauen im Kaufleuten und im Kino Forum, um eine Frauentheatergruppe, um internationale Kulturgrössen wie Sigmar Polke, David Bowie, Andy Warhol.
Irene Staub stand mit vielen in Verbindung und war stets distanziert. Zugleich Beteiligte und Beobachterin.
Meine Recherchen gründen auf Gesprächen mit möglichst allen Beteiligten. Und da ich die Erfahrung gemacht habe, dass nach der Herausgabe eines Buches überraschend viele Leute zu mir kommen und sagen, sie hätten mir auch noch etwas berichten können, mache ich mein Projekt hier bekannt und rufe dazu auf, mich bitte vorher zu kontaktieren.
My Generation
Der Dokumentarfilm über eine Generation
«Wir waren jung, frei und sexy.» So heisst es auf dem Plakat für den Film mit dem Titel My Generation, den die Regisseurin Veronika Minder gedreht hat. Darin werden sechs 1948 Geborene porträtiert. Ich hatte das Vergnügen, als eine der Darsteller mit eingewirkt zu werden. Der Film kommt an die Solothurner Filmtage, und ab März in die Kinos.
Zürich bewegt
Eine Stadtgeschichte in Bildern
Das Buch zur Ausstellung im Stadthaus Zürich, 2011, mit rund 600 Bildelementen
«Was, so war es früher?», mögen Jüngere fragen, wenn sie eine Foto vom Flughafen Kloten sehen, wo Zuschauer auf Bänken am Rand der Piste ihr Bier oder ihren Sirup trinken. «Ja genau, so ist es
gewesen», werden ältere Semester vielleicht sagen, wenn sie lesen, dass es in Zürich einst verboten war, ohne Trauschein zusammenzuleben. Touristen mögen staunen darüber, dass einst um 24 Uhr
Polizeistunde war – heute gilt Zürich als Partystadt Europas.
Die Ausstellung «Zürich bewegt», die ich als Kurator zusammen mit dem Szenografen Heinz Kriesi realisieren durfte, ruft solche
Geschichten in Erinnerung. Das Buch gibt die ganze Ausstellung mit sämtlichen Fotos und Texten wieder. Erstmals wird hier die jüngere Vergangenheit der Stadt Zürich in Bildsequenzen aus Pressefotos
präsentiert. Mit Fotos aus Redaktionen, die grosszügig ihre Archive zur Verfügung gestellt haben.
Dokumentiert wird der Zeitraum von etwa 1950 bis 2010. Es ist die Spanne einer Generation. In dieser
Zeit hat sich Zürich entwickelt von der Stadt mit dörflichen Quartierkernen zum Millionenzürich, das in ein Agglomerationsumfeld eingebettet ist. Insgesamt haben technologischer Wandel, Immigration,
Verkehrsentwicklung das Leben und den Alltag der Bevölkerung bis ins Grundwasser umgewälzt.
Trotz sozialen und kulturellen Brüchen, die sich hinter den Geschehnissen verbergen – oder wegen ihnen –,
mag manches Foto erst einmal ein Lächeln auslösen. Denn gelegentlich zeigen die Szenen Absurditäten, die eben nur in einer bestimmten historischen Situation möglich waren. Und manchmal machen sie
einfach Eigenschaften der Menschwesen sichtbar, die wir sind.
«Was, so hat es einmal ausgesehen in Zürich?» – «Ja, genau so war das Leben
hier einmal!»
Willi Wottreng, «Zürich bewegt.–Eine Stadtgeschichte in Bildern», Elster-Verlag, Zürich 2011, mit rund 600 Bildern. Grafische Gestaltung von Peter Heuss. Buchhandelspreis Fr. 39.90. ISBN
978-3-907668-86-3 und ISBN 978-3-907668-87-0
KurzinfosKurzinfosKurzinfos
Bücher sind wie Schiffchen, die der Autor aus seiner Werft entlässt. Sie schlagen Wellen, machen sich selbständig, und manchmal findet man sie in Häfen, wo man sie nicht erwartet.
Zürich bewegt – eine Stadtgeschichte in Bildern
Kaum ist ein Buch erschienen, tragen Dir die Leserinnen und Leser zu, was darin alles falsch ist. Oh könnte man es doch diesem Publikum vorher zeigen. Jedenfalls war in Zürich Polizeistunde einst
nicht um 23 Uhr, sondern um 24 Uhr. Und das alte klassische Gymi beim Pfauen war nicht das Rämibühl, sondern das Schulhaus Schanzenberg. Es braucht die Leserinnen und Leser nicht zu interessieren,
wie es zu solchen dummen Fehlern kommen kann.
Zürcher Kriminalgeschichte
Vor Jahren hatte mich die «Weltwoche» entlassen, offensichtlich weil ich als ehemaliger Achtundsechziger grundsätzlich des Scheuklappentums verdächtig war. Heute lesen wir in derselben «Weltwoche»
in ihrer Besprechung meines Buches zur Zürcher Kriminalgeschichte (in der Ausgabe vom 17. September 2009) den bemerkenswerten Satz: «Wenn es für Fachbücher schreibende Journalisten bezüglich Sorgfalt
der Recherchen und Genauigkeit der Quellen eine Messlatte gibt, heisst sie Willi Wottreng.»
Lydia Welti-Escher I
Das Buch über die Zürcher Patrizierin Lydia Welti-Escher («Die Millionärin und der Maler») war im April 2008 neu aufgelegt worden. Die zweite Auflage enthält ein Nachwort über die in Florenz vor
kurzem aufgetauchten Psychiatrieakten. (Verlag Orell Füssli). Es hat beigetragen, dass die Jubiläumsfeierlichkeiten zum 150. Geburtstag Lydias etwas üppiger ausgefallen sind. Am meisten hat mich
gefreut, dass die Gesellschaft zu Fraumünster – im Volksmund Frauenzunft genannt – am Zürcher Sechseläuten 2008 eine Ehrung von Welti-Escher als Kunstmäzenin vorgenommen hat und auf dem lauschige
Plätzchen beim Kunsthaus hinter dem Kunsthausrestaurant (am Haus der Stiftung Pro Helvetia) eine Tafel für sie enthüllt hat. In dieser Gegend um den Pfauen verkehrte die kunstinteressierte junge
Lydia häufig. Die erste Ehrung für eine seit über hundert Jahren verlästerte Frau
Deubelbeiss
Ein Leser mailt mir aus Kanada, dass er versucht habe, via Amazon das Deubelbeiss-Buch zu erhalten und Bescheid erhalten habe, dieser Buchtitel werde nicht nach Kanada geliefert. Er fährt fort:
«Mich nimmt wunder, wo da der Wurm steckt. Es handelt sich ja wahrhaftig nicht um pornographische oder gemeingefährliche Literatur.» Hatten die Behörden darin eine Anleitung zum Verbrechertum
gesehen?
Das Buch «Deubelbeiss & Co» diente als historische Grundlage für eine sehr reizvolle Theaterproduktion im Theater am Bahnhof (TAB) im aargauischen Reinach im Sommer 2010. (siehe:
http://tab.ch/p/theatergruppetab.php).
Stadtkreis 4
Im Zürcher Kleinverlag «Walkwerk» erschien 2008 ein Memory-Spiel über den Kreis 4. Ich habe die dazugehörige kleine Broschüre verfasst – eine Liebeserklärung ans Quartier.
Zürich, Langstrasse – Vivarium 4. Mit Fotos von Stefan Süess, Walkwerk, 2008, ISBN 978-3-905863-02-4.
Tino, Hells-Angels-Gründer
Das Buch über Tino, den «König des Untergrunds», ist in 4. Auflage wieder aufgelegt worden. Das Buch scheint eine heimliche Fan-Gemeinde zu haben und wird in Internet-Publikationen der deutschen
Bikerszene empfohlen. Ein Kritiker bemängelt´allerdings: «Sprachlich kommt das Buch mitunter etwas bieder daher.» Vermutlich ist damit gemeint, dass in gut hiesigem Deutsch etwa vom «Töff» die Rede
ist und nicht vom «Motorrad». Ein Lob auf die regionale Kultur.
Immigration («Ein einzig Volk von Immigranten»)
Im Internetbulletin des Bundesamtes für Migration habe ich die Meldung über die Einweihung eines Migrationsbusses durch Bundesrätin Micheline Calmy-Rey gelesen, die vor längerer Zeit stattfand:
«In ihrer Ansprache zitierte die schweizerische Aussenministerin dabei den Zürcher Journalisten und Schriftsteller Willi Wottreng, der sehr gut beschrieben hat, was Migrantinnen und Migranten über
die Jahrzehnte erbracht haben: "Bei der nächsten Sternschnuppe möge der Himmel den Wunsch erfüllen, dass für eine Nacht in den Schweizer Städten und Dörfern alle jene Backsteine, Betonmauern, Kabl
und Röhren, Balken und Pfähle fehlten, die von den Italienern, Spaniern, Jugoslawen, Griechen ... nach dem Krieg gebaut wurden. Man würde durch ein verwüstetes Gebiet fahren und wüsste, was die
Schweiz denen verdankt, die sie Gastarbeiter nannte.» Ich begrüsse die einstige Bundesrätin im Kreis der Leserschaft.
Nachrufe
Der «Kleine Bund» (die Wochenendausgabe des Berner «Bund» bemerkte in einem Bericht über das Buch mit Nachrufen «Kleine Weltgeschichten» «Die Texte sind keine Grab- und Lobesreden, sondern
lebendige und präzise Beschreibungen.» In diesen Nachrufen geht es ums Leben, nicht um den Tod. Der «Kirchenbote» des Kantons St.. Gallen titelte in einer Besprechung von Juni/Juli 2010 gar: «Willi
Wottreng erfindet den Nachruf neu».
Geldfälscher Farinet
Die hübscheste Kritik, die ich bisher auf eine Buch hin erhalten habe, stammt aus der «Münzen-Revue» in Lörrach. Eigentlich ist es ein Totalverriss. Sie rezensiert mit Fachblick:
"Es ist anstrengend, dieses Buch zu lesen, und der Erkenntniszuwachs danach ist marginal. Was nicht an den den reinen Tatsachen liegt, der Autor schafft es nur, sie hinter einem nichtssagenden
Wortgeklingel wirkungsvoll zu verbergen. Und wehe, der Leser möchte nach der Lektüre einen bestimmten Sachverhalt noch einmal nachlesen. Keine Chance. Der Autor springt in der Geschichte herum, kennt
keine feste Gliederung, seine Titel haben nichts mit dem Inhalt der Kapitel zu tun. Es ist einfach traurig, wenn man an die viele Arbeit denkt, die der Autor im Vorfeld seines Buches geleistet haben
muss."
Uebrigens erzählte mir kürzlich der einstige Geldfälscher Hansjörg Mühlematter, der im AHV-Alter durch ehrliche Arbeit sein Leben verdienen muss, er habe auf Grund der Darstellung im Farinet-Buch ein
Gemälde seines berühmtesten Vorgängers gemalt:den toten Farinet, in der Schlucht des Flusses Salentze liegend. Dass ein toter Geldfälscher einen lebendigen zu künstlerischer Tätigkeit inspiriert, hat
etwas Heiteres. Mühlematters Geschichte wird im Anhang zur Neuausgabe erzählt.
Das Farinet-Buch diente 2010 als Grundlage für eine Theateraufführung im Freilichmuseum Ballenberg.
Lydia Welti-Escher II
2008 ist auch ein Buch von Credit-Suisse-Chefhistoriker Joseph Jung über Lydia erschienen. Es kommt schön daher, materialreich, dahinter steckt Geld und Arbeit. In einem Interview mit der
Weltwoche am 10. Juli 2008 sagt der Autor etwas Erstaunliches. Frage der Weltwoche: «Der Publizist Willi Wottreng hat aus Lydia Welti-Escher eine Feministin gemacht. Ist das richtig?» Antwort des
Buchautors Jung: «Lydia ist mit solchen Begriffen nicht beizukommen. Sie war eine Frau in gesellschaftlichen Zwängen.» Im selben Interview sagt Jung auch: «Wir reden alle von Annemarie Schwarzenbach.
Das ist auch gut so. Doch Lydia trat schon 40 Jahre früher für die 'Emanzipation des weiblichen Geschlechts' ein.» – Richtig gelesen? Dann muss man sich fragen: Hat «die Emanzipation des weiblichen
Geschlechts» also nichts mit frühem Feminismus zu tun? Oder darf die Sache in Bankkreisen nicht so genannt werden? Oder geht's nur darum, doch noch eine Abgrenzung zu Wottreng zu finden, der die
Geschichte halt schon früher erzählt hat. Etwas süffiger und doch wissenschaftlich.
Dazu die Rezension aus der WoZ vom 21. August 2008, Titel «Skandalbericht»:
"Joseph Jung, Haushistoriker der Credit Swiss, hat seinem Buch zwar ein Kapitel zur Rezeption des tragischen Liebespaars beigestellt, Wottreng aber nur nebenbei erwähnt und als unwissenschaftlich
abgekanzelt. ... Während Wottreng etwas salopp formuliert, neigt Jung zur Pedanterie."
Fazit: Wottrengs Buch über Lydia bleibt das Original.
Fast jede Woche: ein «Nachruf»
Eine Rubrik in der «NZZ am Sonntag»
Keine langweiligen Sonntagspredigten sollen es sein, sondern Texte voller Leben. Rückrufe eher als Nachrufe. Wenn der Vorhang fällt, dürfen diejenigen, die auf der Bühne waren, noch einmal vor den
Vorhang treten, jeder und jede für sich, und einen Sketch aufführen, der ihr Leben charakterisiert. So verstehe ich die Nachrufe, die ich seit 2002 fast jede Woche in der «NZZ am Sonntag» publiziere.
Ein freundlicher Kritiker meinte, Wottreng habe «das Genre des Nachrufs neu erfunden».
Lesestück: «I bi e ke Ringi»
Aus der Rubrik «Nachrufe», zum Tod von Sybille Neff, Appenzeller Kunstmalerin und Schreck der Regierung.
Obrigkeiten und Behörden braucht es gewiss, fand die streitbare Frau, doch sollten sie die Gärten der Bürger in Ruhe lassen. Nicht wegen dieser Ansichten erhielt sie den Kulturpreis des
Kantons.
Ungeschminkt konnte sie die Heuchelei ihrer Umgebung anprangern: «Di brave Appezöller springid em Moge i d Chülche» - morgens liefen die Appenzeller in die Kirche -, «ond denn streuids Salz uf d
Schnegge.» (Für Nichtgärtner: um sie zu töten.)
Widerständig war sie von Kindheitserfahrungen her. Unehelich geboren 1929 im anonymen Basel – wohin die junge Mutter für die Geburt geflüchtet war –, sollte Sibylle später der Mutter weggenommen
werden, als diese sich verheiratete mit einem neuen Mann. In solchen Verhältnissen muss ein Kind ja moralisch gefährdet sein! Der Widerstand der Mutter und der elfjährigen Sibylle war erfolgreich, er
schweisste die beiden zusammen. Gerechtigkeit für die Verschupften wurde Sibylles Lebensthema.
Die Mutter betrieb in Appenzell zuerst ein Stickereilädeli, dann konnte der Stiefvater seinen Spenglerbetrieb an prominenter Stelle im Städtchen eröffnen, am Landsgemeindeplatz, wo die Familie nun
hinzog. Sibylle, ein naturverbundenes und verträumtes Kind, zeichnete gern. Sie durfte später gar ein paar Monate die Kunstgewerbeschule in St. Gallen besuchen, wo sie erfuhr, was Licht und Schatten
ist, was Perspektive und was Farbenlehre. Doch wurde sie zu Hause gebraucht und gab die Schule auf, nicht aber das Malen. Dafür genügte der Küchentisch.
Die Mutter war skeptisch, doch als sie für ihre 30-jährige Sibylle das erste Bild verkaufen konnte, begann sie an die Künstlerin zu glauben. Und wurde die resolute Managerin ihrer Tochter – die
zeitlebens von Liebe zu einem Mann nur träumen sollte.
Neff malte kleine Dinge des Alltags, auf den ersten Blick im traditionellen Stil der Bauernmaler, auf den zweiten Blick raffinierter: Sie beherrschte die Perspektive, konnte Gesichter zeichnen, hielt
sich nicht an schematische Alpaufzüge und wagte, Komisches und Kritisches wiederzugeben. «Der nervöse Arzt», zeigt einen überforderten Doktor, im Wartezimmer ein Haufen Patienten mit verschiedensten
Wehwehs. Im Bild «En alte Ledege» entdeckt man ein Bäuerlein, einen Ledigen eben, seine vielfach geflickte Wäsche aufhängend. Neff zeigt den Bagger, der das Hügelgrün zerschneidet, und Bauern mit
unglücklichem Gesicht, wie sie solche im Kanton mit den vielen Selbstmorden auch sah.
So wurde sie bekannt. Selbst die verwitwete Präsidentengattin Jackie Kennedy in Gstaad kaufte ihr ein Bild ab. In Bratislava wurde Sibylle Neff an einer Ausstellung naiver Kunst gefeiert. Wobei: Naiv
war sie nicht, weder künstlerisch noch persönlich.
«I bi eefach zwenig domm», sagte sie einmal. Sie hätte kulturelles Aushängeschild des Kantons sein können, wenn sie sich nicht angelegt hätte mit der Regierung. In den 1960er Jahren wollte jene eine
Durchfahrt durch den Vorgarten des Neff-Hauses erstellen zu einem dahinter liegenden Verwaltungsgebäude, obwohl kein solches Recht im Grundbuch eingetragen war. Überzeugt, das sei Willkür und es gebe
ja andere Zufahrtsmöglichkeiten, wehrte sich Neff, nachdem Vater und Mutter gestorben waren, gegen den «Grondbuechpschess».
Sie schreibt Leserbriefe, engagiert Anwälte, schaltet Inserate, beschimpft die Innerrhoder Behörden als «Mafia» und erhält von Gerichts wegen eine Gefängnisstrafe wegen Beschimpfung, was sie nicht
hindert, weiter zu schimpfen. Sie hängt Transparente am Haus auf. 1990 an der Landsgemeinde, an der die Frauen noch nicht teilnehmen dürfen, veranstaltet sie ein «Tonderwetter» und schmeisst während
der feierlichen Eidesleistung der Männer Teller aus dem Fenster. 1995 beschallt sie den Landsgemeindeplatz mit einem Tonband, auf welches sie ihre Anschuldigungen gesprochen hat. Wiederholt steigt
sie vor der Menge aufs Rednerpult: «Es erdrückt mich fast», klagt sie, und wer sie hörte, verspürte ihr Leid. Bis die Behörden das Vorhaben aufgaben.
«Eine Einfrauenpartei», spotteten manche über Neff, die einen Wahlaufruf unterzeichnete mit: «Bürger, die vor- und rückwärts denken».
«I bi e ke Ringi», gestand sie, keine Einfache. Es war, als brauchte sie den steten Aufruhr ihrer Seele, um leben zu können. Dabei sah sie über den eigenen Gartenhag hinaus. Sie wehrte sich gegen
einen Golfplatz in Weissbad. Und als die Regierung den Kantonsbeitrag verweigerte an die Fontänen auf dem neuen Bundeshausplatz, trug sie eigenhändig 10 000 Franken nach Bern als Geschenk. Womit sie
ihre knausrige Obrigkeit blossstellte.
Der Behördenschreck Sibylle Neff erhielt 2007 den Kulturpreis von Appenzell Innerrhoden. Als Anerkennung für ihr Lebenswerk. Und als sichtbaren Ausdruck für die «Akzeptanz der Andersartigkeit», wie
der Landammann erklärte. Gerührt erklärte Neff: «Jetz han i e rechti Freud.»
Es war der grosse Friedensschluss.
Erschienen in: NZZ am Sonntag, 25. Juli 2010

